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Alle Jahre wieder findet der Boroichi im Stadtbezirk Setagaya an den Tagen 15. & 16. Dezember und 15. & 16. Januar statt.

"Der Stadtbezirk Setagaya ist ein magischer Ort" sagte meine Freundin, eine echte "Edokko", also ein waschechter Tokioter seit mindestens 3 Generationen. "Im Setagaya Wald kann man sich leicht verlaufen." "Ach, Unsinn!" erwiderte ich, "Das ist doch der vornehme Wohnviertel mit coolen In-Spots wie Sangenjaya und Futako-Tamagawa."   "Beim ersten Blick mag es so erscheinen. Aber in Wirklichkeit....."

 

So wagte ich eines sonnigen Dezember-Tages in den tiefsten Setagaya, bewaffnet mit ein bisschen Vorwissen aus dem Internet über den traditions­reichen Trödelmarkt um Setagaya 1-chome. Man erwarte Massenandrang, hieß es. Jährlich feilschen 200.000 Besucher mit 750 Händlern. Die Setagaya-Bahnlinie fährt an den 4 Tagen nach dem Sonderfahrplan in 5 Minutentakt. Also keine Wander- aber auch keine feinen Schuhen, den Rücksack bäuchlings tragen und ab in den "Wald".

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Unser Spaziergang beginnt am Bahnhof Kudanshita (Tokyo Metro Tozai-Linie und Hanzomon-Linie, Toei Shinjuku-Linie). Bereits beim Aussteigen aus dem U-Bahn-Waggon merkt man: o,oh, wir werden nicht alleine sein. Bahnbeamte sowie Polizisten stehen an allen Ecken und warnen vor dem großen Andrang in Richtung Budokan, man solle andere Ansgänge benutzen. Kaum ans Sonnenlicht angekommen, findet man sich gleich im Meer, Menschenmeer.

Eine Zeitreise

 

Der Markt wird von Massenandrang beherrscht. Man kann keinen Schritt machen, ohne an andere zu stoßen. Aber es gibt mindestens zwei Unterschiede im Vergleich zu beispielsweise Takeshita-dori in Harajuku. Zunächst ist es einem sofort klar, dass das Durchschnittsalter der Besucher etwa drei bis viermal höher ist als in jenem Jugendviertel. Dies hat zur Folge, dass eine 160 cm große Person wie ich meistens ziemlich frei atemen kann, denn die Generation unserer Eltern ist um einen Kopf kleiner. Die wenigen, die größer sind als ich, gehören der nächsten Generation oder sind "Ganjin-san", also Nicht-Japaner.

Zweitens, die ganze Kulisse hat einen Hauch von Nostalgie. Schon das Umsteigen von der Denentoshi-Linie in die Setagaya-Linie ist eine Reise in einer Zeitmaschine. Man lässt die obligatorischen McDos, Starbucks, Zaras und Tsutayas im "coolen" Sangenjaya (nur einige Minuten von Shibuya entfernt) hinter sich und tritt ins Meer der Einzelhäuser hinein, durch welches der Zwei-Wagon Zug ohne Eile vor sich hin trottet, nicht unterirdisch, nicht auf der Hochbahn, sondern auf der Erde! Wo in Tokyo sieht man das noch?

Ursprung des Marktes  

1578, als Tokyo noch Edo hieß und noch nicht die Hauptstadt war, ließ die Hojo-Sippe mit dem Sitz in Odawara einen Markt in Setagaya errichten, um aus diesem Ort eine lebhafte Pferde-Wechsel-Station zu entwickeln und so den Verkehr zwischen Odawara und Edo in Schwung zu bringen.

Der steuerfreie Markt wurde ursprünglich an den Tagen mit "1" und "6" (also am 1., 6., 11, 16, usw. des Monats) gehalten, bis 1590 die Herrscherfamilie Hojo dem kometenartig aufsteigenden Toyotomi Hideyoshi niederlag. Überlebend als Jahresende-Markt für landwirtschaftliche Utensilien etablierte sich der Markt in der Meiji-Zeit im heutigen Zyklus Dezember-Januar.

Die Bauern pflegten im Winter Waraji (Strohsandalen) zu flechten und brachten diese zum Markt, um ihr mageres Einkommen ein bisschen zu verbessern. Um Strohsandalen etwas robuster zu machen, flochten sie wenn möglich Streifen alter Stoffreste mit hinein. Der Handel mit solchen Stoffresten und Lumpen, also "Boro" auf Japanisch, gab diesem Markt den Namen, obwohl neben Stoffen viele andere Waren des täglichen Bedarfs angeboten wurden. In den besten Zeiten kamen um die 2.000 Händler.

Auf dem heutigen Boroichi bieten etwa 750 Händler ihre Ware feil. "Boro" ist auch dabei, jedoch längst nicht mehr als Rohstoff für Waraji-Herstellung, sondern eher um den ewigen Hunger der Frauen nach günstiger Mode zu stillen. Neben Haushaltswaren, CD und DVD, Bonsai-Bäumchen, Modeschmuck, Handtaschen, Kindersocken und Spielzeug werden verschiedene Artikel des Kunsthandwerks für die Vorbereitung des Neujahrsfestes angeboten.

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Bonsai gibt es auch zu bewundern und - natürlich auch zu erwerben

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"Usu" und "Kine" aus Massivholz

 

Artikel aus dem Alltagesbedarf wie Schneidebretter, Handtücher, Unterwäsche sowie eben diese Körbchen werden gern zum Neujahr erneuert, um das neue Jahr frisch und makellos zu beginnen.

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Bambuskörbchen am Seil

Hier ein Händler, der sich auf Tsuba (Griffschmuck der Samurai-Schwerte) spezialisiert hat.

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Antiquitäten sind auf dem Boro-ichi auch beliebt

- Beim Einkaufen bekommt man Hunger! -  

 

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Nicht nur die fliegenden Händler, auch viele der Geschäfte an der Straße, wo der Boroichi stattfindet, bieten ihre Spezialitäten zum Sonderpreis an.

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- Ein Ruhepunkt mitten im Sturm -  

Etwa auf der halben Höhe der Marktstraße steht das Haus Daikan-Yashiki (ehm. Residenz des Stadtverwalters) und hält mit dem anliegenden Museum die Geschichte des Stadtviertels fest.

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Ein Schnäppchen, warum nicht?  

Also, was war das noch mit dem Setagaya-Wald? Er existiert, wenn auch nicht wörtlich. Der Stadtbezirk Setagaya ist so groß (über die Hälfte von Paris), dass selbst das weltbeste Verkehrsnetz Tokyos ihn nicht dicht genug umspannen kann. Läuft man aufs Geratewohl quer durch die Wohnviertel, stößt man vielleicht eher auf ein Gemüseanbau als auf eine Bushaltestelle und findet nicht ohne weiteres seinen Weg zurück in die vertraute Großstadt. Dafür kann man für nur 140 Yen (Einheitspreis) mit der Setagaya-Linie nach Kamimachi fahren, ein paar Besorgungen machen, die man schon lange machen wollte aber irgendwie immer wieder vergisst, mit vielen Menschen eine Warteschlange für ein paar Süßklöße (gibt's eben nur auf dem Boroichi!) bilden und für einen Moment die Zeit vergessen. Eine billigere Zeitreise gibt es nicht.

 

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