Grün, preiswert und bunt – der

Westen von Tokyo: Nakano

Der Stadtteil Nakano liegt direkt neben Shinjuku und wird trotzdem häufig von Touristen ignoriert. Ein Fehler, denn hier verbergen sich viele interessante und natürliche Ecken mit einem Charakter, den man sonst in Tokyo selten findet.

Die Schriftzeichen von Nakano kann man frei übersetzen mit „mitten im Feld“ und auch wenn sich Nakano heute keineswegs mitten in einem Feld befindet, so wirkt es doch wirklich versteckt auf die meisten Besucher von Tokyo. So auch seine Bewohner: Nakano hat mit 20.000 Einwohnern pro Quadratkilometer die höchste Einwohnerdichte von ganz(!) Japan, doch in Nakano selbst merkt man davon wenig, da die Bewohner tagsüber in Shinjuku oder im Rest von Tokyo sind und dort arbeiten. Nur in der übervollen Chuo-Zuglinie, die als Lebensader von Ost nach West durch Nakano verläuft und seine wichtigsten Zentren mit dem Rest der Stadt verbindet, merkt man das Gedränge deutlich.

Nakano liegt nur eine Bahnstation westlich von Shinjuku entfernt, ist aber deutlich preiswerter und viel grüner. Viele wissen um diese Vorteile und haben sich in Nakano niedergelassen. Es wird daher auch oft als die „Bettenburg“ von Shinjuku bezeichnet. Den Großteil vom Gebiet machen auch lang gezogene Bereiche mit vielen kleinen Häusern und kleinen Flüsschen aus. Ein idyllisches, japanisches Kleinstadt-Leben eben. Zwischen all den kleinen Häusern gibt es drei nennenswerte Zentren:

Nakano

Fährt man von Shinjuku aus Richtung Westen ist der Bahnhof Nakano die erste Station im gleichnamigen großen Bezirk. Das größte Gebäude hier ist der Nakano Sunplaza, den man kostenlos hochfahren kann und so einen wunderbaren Ausblick über die Gegend bekommt.
Was Nakano als Ecke spannend macht, findet sich in einer lang gestreckten überdachten Einkaufspassage. Hier gibt es von dem frischen Fisch im Keller bis hin zu Taschen in Formen von Spielkonsolen alles Mögliche – und meist auch recht preiswert. So ist z.B. einer der besten und preiswertesten Kamera-Läden von Gesamt-Tokyo hier angesiedelt, wo sich eine ausgezeichnete Auswahl von japanischen Kameras finden lässt.

Am Ende der Einkaufspassage befindet sich der Nakano Broadway, ein Paradies für Anime- und Manga-Fans. Man kann es daher auch als Akihabara des Westens bezeichnen. Ab dem zweiten Stock finden sich hier zahlreiche Manga-, Figuren- und Cosplay-Läden, neben vielen anderen verrückten Geschäften. Stundenlang kann man durch die einzelnen bunten Stores stöbern und z.B. für wenige Euro detaillierte Figuren aus den Lieblings-Anime und –Manga bekommen. Bei all der Auswahl muss man dabei wirklich viel Zeit mitbringen. Mit dem Otaku-Zentrum Akihabara kann der Nakano-Broadway durchaus mithalten.

Der Manga Laden Mandarake, eine Legende und Institution für japanischen Manga hat hier seinen Ursprung und bis heute auch seine größten Läden. Über zwölf verschiedene bunte und verrückt gestaltete Geschäfte wird hier Manga angeboten. Klassiker, wie Original-Zeichnung mit Autogrammen, aber auch moderne Werke, neu oder gebraucht gibt es.

Mandarake begann als 2nd Hand Manga-Geschäft, welches gelesene Manga an- und billig verkaufte. So trug der Laden in der Vergangenheit erheblich zur weiten Verbreitung und Akzeptanz von Manga in Japan bei. Und auch heute kann man seine eigene Sammlung dort verkaufen und billig gebrauchte Manga erstehen. Der halbe Nakano Broadway dient als Archiv und Lagerstätten für tausende von Manga. In den vielen Gängen vom Nakano Broadway kann man sich gerne mal verlaufen und dabei Neues und Altes entdecken.

Koenji

Etwas weiter westlich vom Bahnhof Nakano liegt Koenji, welches als eines der wenigen alternativen, jungen Zentren von Tokyo gilt. Es lockt dabei mit Musikhäusern, Bars und vielen kreativen Cafés. Koenji ist ähnlich wie Shimokitazawa, in dem Sinne, dass es in den 60er Jahren, als alle in Tokyo nach Neubauten schrien, einfach vergessen wurde. So blieben die alten Holzhäuser stehen. Diese waren billig und lockten dementsprechend viele junge Leute und Kreative an. Hier gibt es auch viele Second Hand Klamotten-Läden, die mittlerweile in Tokyo selten geworden sind. Nach einer Shoppingtour sollte man unbedingt eines der unzähligen kreativen Cafés aufsuchen, wie z.B. das Café Appartment, bei dem man wie beim Besuch einer Wohnung als Gast die Schuhe ausziehen muss. Viele junge und lokale Musiker treten hier in Koenji auf und lassen sich von der Natürlichkeit und dem Charakter Koenjis inspirieren.

Beliebt ist Koenji bei jungen Tokyotern, aber stadtbekannt ist es vor allem wegen seinem jährlichen Bon Odori Festival im Sommer. Bon Odori ist ein Straßenumzug, wo hunderte traditionell kostümierter Japaner, jung wie alt, die Straße in einem simplen Tanz entlang tanzen. Jedes Jahr ist dabei in Koenji ein enormes Gedränge und man hat Schwierigkeiten, sich am Straßenrand als Zuschauer durchzukämpfen. Bon Odori übersetzen einige mit „Totentanz“, es ist aber mehr ein Festival zur Ehrung der Ahnen und Tradition. Diese Umzüge gibt es in ganz Japan und jede Stadt hat seine eigene Variante. Mal beruht es auf Tradition, mal ist es einfach nur so aus Spaß. Aber das ist nicht so wichtig. Die Betrachter und Tänzer haben einen Riesenspaß an diesem Teil der japanischen Kultur, der nicht in Museen stattfindet, sondern auf der Straße – wo jeder mitmachen kann.

Kichijoji

Kichijoji liegt am äußeren westlichen Rand von Nakano und ist vor allem für den Inokashira Park bekannt: ein für Tokyo ungewöhnliches großes, grünes Gebiet mit eigenem See, auf dem man Tretboote mieten kann. Man sagt allerdings, dass, wenn Pärchen zusammen sich ein Tretboot mieten, sie sich danach trennen. Ob das daran liegt, dass man auf dem See mit all den anderen Booten einer erhöhten Stressbelastung ausgesetzt ist, oder an der Liebesgöttin, der ein Schrein im Park gewidmet ist – man weiß es nicht. Tokyoter Mädchen glauben vor allem, dass die (rachsüchtige) Liebesgöttin Benzaiten dafür verantwortlich ist und suchen daher den Schrein im Inokashira Park auf, um sie mit Gaben zu besänftigen. Benzaiten war ursprünglich eine indische Gottheit, doch warum und wie sie nach Japan gekommen ist, und vor allem warum ihr im Inokashira Park ein Schrein gewidmet ist, das kann man heute nicht mehr rekonstruieren. Doch jungen Tokyotern ist das egal, sie beten dort einfach. Schaden kann es der Liebe bestimmt nicht.

Jedes Jahr zur Kirschblütensaison ist der Park überfüllt mit picknickenden Großstädtern, die Hanami machen. Wörtlich übersetzt heißt „Hanami“ „Blumen sehen“, also sich das Naturspektakel anzuschauen. Tatsächlich ist es aber eher ein Zusammenkommen von Freunden, Familie und Firma, mit einem Trink- und Essgelage – also einer Menge Spaß.
Der Inokashira Park ist voll mit Kirschbäumen, sodass der halbe Park weiße/rosa Blätter trägt. Weht dann mal ein kräftiger Wind durchs Geäst, regnet es Kirschblüten.

Der Park erstreckt sich über ein weites Gebiet und am äußersten Rand befindet sich das Ghibli Museum, gewidmet und gestaltet nach Filmen von Hayao Miyazaki („Prinzessin Mononoke“, “Chihiro“). Das Museum sieht tatsächlich aus, wie aus einem Ghibli-Film entsprungen, auf dem Dach steht der Eisengigant aus „Laputa“ und am Ticketschalter sitzt ein lebensgroßer Totoro. Doch der verkauft keine Tickets, denn die gibt’s nur mit Voranmeldung. In jedem LAWSON-Konbini (Convenience Store) kann man die Karten bekommen.

Kichijoji und der Inokashira Park waren und sind häufig in Anime und Manga zu entdecken. Ein Grund dafür ist, dass hier früher viele Manga-Künstler und Animatoren gearbeitet haben, die Gegend um die Nakamichi Street wurde auch als „Anime Town“ bezeichnet. Am Bekanntesten sind wohl Gainax („Neon Genesis Evangelion“) die hier bis 1985 ihr Studio hatten oder das Studio 4°C („Animatrix“, „Tekkon Kinkreet“), die bis heute noch hier sind. Viele Künstler sind jedoch weggezogen, vor allem nachdem sie dann den Durchbruch hatten.

Der einzige Manga-Laden, der noch von dieser Zeit der „Anime Town“ zeugt, ist Manimate, der im vierten Stockwerk in einem Gebäude am Anfang der Nakamichi Street eine wirklich große und gut besuchte Auswahl präsentiert.

Nakano ist wirklich vielfältig und hat vieles zu bieten, was es im Rest von Tokyo nicht gibt. Auch wenn viele Reiseführer Nakano nur als „Rest von Tokyo“ führen, so lohnt ein Entdeckungstour. Die Musik, das viele Grün, die Cafés und die Läden, laden Ohren, Augen, Zunge und auch den Geldbeutel ein. Und wem das alles zuviel wird, der ist in wenigen Minuten mit dem Zug wieder unter Wolkenkratzern und Großstadt.

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