Klein und vielfältig, verfallen und farbenfroh, alte Gebäude mit jungen Bewohnern – Shimokitazawa ist eine andere Ecke in Tokyo
Fragt man junge Tokyoter, wo sie am liebsten in der Stadt wohnen würden, taucht unter den Top 3 immer Shimokitazawa auf. Die Reiseführer ignorieren das Viertel gern, Touristen wissen nichts davon. Doch Tokyos Jugend liebt diesen Mix aus alten Gebäuden, die bis unters Dach gefüllt sind mit klassischen oder Second Hand Klamotten, Spielzeug aus den 50ern, alte Plattenläden und kreative Cafés und Restaurants. Dabei bleibt stets alles preiswert und bildet somit die beste Alternative zum überfüllten Shibuya und teuren Harajuku.
Shimokitazawa, oder nur kurz ‚Shimokita’, verdankt seinen Namen der Bahnstation, die das Zentrum des Viertels bildet und es gleichzeitig durch die ebenirdisch verlaufende Bahnstrecke in der Mitte teilt. Auch wenn diese Trennung in keinster Weise für Ordnung sorgt: rund um den Bahnhof sind lauter kleine Häuser und Buden, die scheinbar wild gewachsen sind und lauter kleine Läden beherbergen. Die teilweise nur 2m breiten Häuser sind sehr alt und einigen kann man auch beim Verfallen zusehen – doch gerade das macht den Charme von Shimokitazawa aus. Wenn der Rest von Tokyo doch sehr ordentlich, gepflegt und fast schon künstlich daherkommt, so spürt man in Shimokita deutlich, dass hier Menschen leben, die mit bunten Graffiti, Musik und Kreativität ihre Spuren hinterlassen.
Man kann entweder mit dem Zug nach Shimokita fahren, oder zu Fuß durch das Rainbow Gate laufen, ein reichlich dekorierter und bunt bemalter Bahnuntergang, der einen Eingang zum Viertel markiert. Doch so wirklich geordnete Grenzen hat das Viertel nicht.
Viele Künstler zog es zu Anfang hierher, weil die Gebäude alt und die Mieten gering waren. Es siedelten sich Galerien und Theater an, dessen guter Ruf den Rest von Tokyo erreichte. Und nicht zuletzt auch durch die japanische Fernsehserie „Shimokitazawa Glory Days“ von 2006 kennt ganz Japan dieses Viertel. Die alten Gebäude waren zu Beginn gerade für junge Menschen ideal, boten sie doch viel Platz sich kreativ auszutoben. Vor allem für Mode konnten sich viele kleine Läden etablieren, die alle eine ungeordnete und vielfältige Auswahl anbieten. Das englische Wort „vintage“ beschreibt das, was die meisten Läden anbieten, sehr gut. Es lässt sich sehr gut mit „cooler alter Kram“ übersetzen, z.Bsp. Kleider aus den 50ern, Holzspielzeug aus der Meiji-Zeit oder alte Kameras. Einen Mix von alledem und zusätzlich noch Manga, Fahrräder, Klobürsten, eine Grabbelkiste mit alten Supernintendo-Spielen, CDs und leuchtenden Buddha Lampen hat der größte Laden in ganz Shimokita, Village Vanguard. Hier und in den vielen anderen Läden bleibt Shimokita immer billiger, als seine, nur 1-2 Bahnstationen entfernten Nachbarn, Shinjuku und Shibuya.
Gebrauchte Kleidung lässt sich hier sehr günstig erwerben, auch wenn man natürlich drauf achten sollte, europäische Größen zu finden. Doch schon für 10€ kann man sich komplett modisch einkleiden. In Shibuya gibt’s dafür nicht einmal ein paar Socken.
Es gibt zwar Karten von Shimokita, doch die bringen keine Ordnung ins Chaos. Am besten ist es sowieso, einmal selbst durch die verwinkelten Gassen zu schlendern, in jeden Laden reinzuschauen und sich in ein kreatives Cafe zu setzen, bei denen man hier sogar draußen sitzen kann – was im Rest von Tokyo sonst eher unüblich ist.
Die Orientierung verliert man sehr leicht, was nicht sonderlich schlimm ist. Auf neuen Wegen entdeckt man auch das ein oder andere neue Geschäft. Doch dieses dann wieder zu finden… Das ist so gut wie unmöglich. Es gibt keine markanten Gebäude, kein Wahrzeichen, an dem man sich orientieren kann und vor dem man posieren muss, um für die Daheimgebliebenen ein Bild zu haben. Ganz Shimokita, die Atmosphäre und seine Bewohner sind die Wahrzeichen vom Viertel.
Vor allem das Nachtleben in den vielen kleinen Clubs und Bars, die teilweise nur Platz für weniger als zehn Leute bieten, lädt Tokyos Jugend ein. Man trifft sich dann am Bahnhof, um sich dann gemeinsam auf der Suche nach dem richtigen Ort in den bunten Gassen zu verlieren.
Abends kommen auch viele Künstler auf die Straßen, die dann große Bettlaken vor den geschlossen Geschäften spannen und ihre Bilder malen. Oder den ‚Manga-Mann’, der Manga vorliest und dabei talentiert die einzelnen Stimmen der Figuren wiedergibt.
Schon am Tag sieht man viele Künstler und Musiker mit ihren Utensilien durch die Straßen irren, immer mit einem Blick auf die Karte und aufs Handy. Am Abend spielen sie dann in den kleinen Bars – oder eben auf der Straße, wenn sie die Bar nicht finden konnten. Ein dankbares Publikum gibt es immer.
Doch vermutlich gerade weil Shimokitazawa so anders, so alternativ, so frei und so ungeordnet ist, hat Tokyo entschieden das Viertel umzubauen.
Es soll einer großen Straße weichen, eine Entscheidung die 2004 getroffen wurde und seitdem protestieren vieler Bewohner und Künstler dagegen. „Rette Shimokita“ steht in Plakaten in den Straßen, als Graffiti auf Häuserwänden oder wird von Straßenkünstlern besungen. Der langsame, jedoch stetige Rückbau hat schon begonnen, rund um den Bahnhof verschwinden mehr und mehr Gebäude hinter weißen Blechwänden. Dahinter werden sie abgebaut und ein paar Wochen lang steht dann dort ein provisorischer Parkplatz – auch wenn in Shimokita niemand Auto fährt. Die ganze Gegend ist zwar keine Fußgängerzone, sondern ein normales Straßennetz, doch wer hier das Auto nimmt und sich versucht durch die Menschenmasse zu bewegen, der muss schon ziemlich viel Zeit einplanen.
So weichen also interessanten Geschäften, leeren, grauen Parkplätzen. Bis die ganze Gegend eine einzige Straße sein wird. Von daher: Besucht Shimokitazawa solange es noch steht! Lauft durch die Straßen, streift durch die Läden, genießt die Kunst und lauscht der Musik. Etwas Vergleichbares gibt es in ganz Tokyo nicht noch einmal.






